Montag, 11. Mai 2015

Elektrische Gewissensprüfung

Wenn's das nur früher schon gegeben hätte! 

Als ich nach meiner Bundeswehrzeit Ende der Siebziger Jahre nachträglich den Kriegsdienst verweigerte, wurde ich durch das Kreiswehrersatzamt einer "Gewissensprüfung" unterzogen. Eine solche Prüfung fand ich damals albern, weil kaum objektiv durchführbar. Was der Prüfungsvorsitzende und seine Beisitzer, ein Schornsteinfeger und ein Bäcker nicht schafften, gelingt jetzt einem Automaten.

Seit einigen Tagen kann man im Internet Zeuge einer ausgeklügelten Gewissensprüfung werden. Ein Verkaufsautomat - aufgestellt am Alexanderplatz - bietet T-Shirts für sensationelle 2 Euro an. Nach Einwurf des Geldes und Drücken der Warentaste spuckt das Teil jedoch nicht die verlangte Textilie aus, sondern spielt einen Film ab, in dem die Arbeitsbedingungen der Näherinnen gezeigt werden, die in schäbigen Fabriken für ein paar Cent pro Tag Hemdchen für den Westen nähen.
Wenn der Film zu Ende ist, stellt der Apparat den verdutzten Käufer vor die Wahl "Trotzdem kaufen - oder 2 Euro spenden, damit die Arbeitsbedingungen der Näherinnen verbessert werden?". Erfreulicherweise spenden fast alle den Betrag, denn es dämmert auch dem Abgestumpftesten, dass Billigklamotten zu Ungerechtigkeiten führen. 

Übertragen auf die Online-Welt würde ein derartiges Experiment wohl eher zu Kaufabbrüchen und weniger zu Spenden führen, denn die Anonymität des Internet macht es doch etwas einfacher, sich aus der Verantwortung zu stehlen, die man ja auch als Konsument hat.   

Aber es gibt ja auch gute Ansätze wie die unseres Kunden ProGua aus Düsseldorf, der von vornherein sagt, dass sein Mocino-Kaffee teurer ist als "normaler" Kaffee, wird er doch direkt von zwei Kooperativen in Guatemala gekauft, die sich deshalb eine Schule für die Kinder leisten können. 

Ebenso lobenswert ist der hohe soziale Standard der Produktionsstätten von van Laack Hanoi, einem Luxushemdenhersteller und langjährigem Kunden aus Mönchengladbach. Unser Kunde das Öko Institut entwickelt seit mehreren Jahren "Strategien für nachhaltigen Konsum". Los, Ihr Verbraucher/innen lest das bitte ruhig, bevor Ihr das nächste Mal einkauft.

Man sieht - Hersteller und Verbraucher können also auch im Internet für Gerechtigkeit sorgen, indem sie ethisch anbieten und kaufen. 

Nochmal zurück zur Bundeswehr. Früher war die Gewissensprüfung ein großes Thema, aber das ist seit Ende des Kalten Krieges längst vergessen.  
Es wäre allerdings eine Überlegung wert, sie in Anbetracht massenhaft verbreiteten gedankenlosen Konsums, der die Flüchtlingsschiffe füllt, wieder einzuführen.




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